Auswertung von Presseartikeln von ca. 1900 bis heute
von Barbara Zak
| Alle Texte, die zur Auswertung genutzt wurden, stammen ausschließlich aus den Sammlungen des Stadtarchivs. Die ersten Artikel kommen aus den 20er Jahren. Es gibt kein Material von der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, auch gibt es im Verlauf der Zeit immer wieder größere Lücken, in denen es scheinbar keine Artikel gibt. Ich weiß leider nicht, ob es sie wirklich nicht gegeben hat, oder ob sie nur nicht im Archiv gesammelt wurden. Daher hoffe ich, dass die gewonnenen Erkenntnisse wirklich repräsentativ sind. Beim Lesen der ersten Artikel fällt besonders auf, dass die Beziehung der Kasseler Bürger zur Fulda scheinbar sehr innig und verbunden war. Die ersten Texte beschreiben den Zustand des Flusses vor und im Laufe des ersten Weltkrieges, der sehr vernachlässigt wurde. Aber nach einer gewissen Zeit -etwa ab Mitte der zwanziger Jahre -wird vermehrt beschrieben, dass sich trotz Notzeiten immer mehr Menschen für die Fulda interessieren und sie auch vielleicht gerade deshalb brauchen. Der Fluss wird stets gleichgesetzt mit Lebensqualität und Lebensfreude. Die Fulda und ihre Ufer werden also zum Mittelpunkt des Lebens nach der Arbeit. Sie steht für viele Dinge, nach denen sich die Menschen nach dem Krieg sehnen. Auch gibt sie ihnen eine gewisse Normalität in ihrem Alltag wieder, die scheinbar sehr lange vermisst wurde. Ein Artikel aus dem Jahr 1936 beschreibt die Bedeutung, die die Fulda für Kasseler Kinder in ihrer Entwicklung hatte. Dieser Text ist sehr persönlich und steht sicherlich exemplarisch für die Empfindungen einer ganzen Generation. "Die Stadt Kassel und ihr Fluss. Die ewige Fulda“, lautet die Überschrift dieses Artikels. Auch der einleitende Text ist sehr aussagekräftig. "Die Fulda ist das Band, an dem die schimmernde Stadt Kassel wie ein Orden inmitten des grünen Hessenlandes liegt. Ihr ewiger Strom hat Jahrtausende menschlicher Siedlungen gesehen, hat Menschenschicksale erlebt und gestaltet und wird noch bis in fernste Generationen den Menschen dienen, wird ihre Kraft und Schönheit dem Menschen schenken und wird in späten Generationen noch, so wie sie es bisher getan, in hundert Erzählungen im Munde des Volkes leben als der lebendige Quell der Erlebnisse der Menschen an der Fulda. Unsere Artikelreihe „Ewige Fulda“ beschäftigt sich mit den Erlebnissen um den alten Fluss, greift in ihre Geschichte und Geheimnisse und erzählt von den Menschen von heute und ehedem, die am Ufer der Fulda groß geworden und dort die geheimnisvolle Sehnsucht erlebten, die uns alle irgendwie an des Wasser bindet.“Der Artikel beschreibt sehr emotional, wie wichtig die Fulda für die Kasseler Kinder zu der damaligen Zeit war. Sie verbrachten dort viel ihrer freien Zeit und konnten sich mit diesem Ort stark identifizieren. „Denn die Fulda war unser Freund, unser großer Bruder, der gut und freundlich zu uns war und uns reichlich abgab von seinen tausend Schätzen, von Vogel und Fisch, von Schiff und Strandgut.“Allgemein muss man aber sagen, dass sich die meisten Texte aus dieser Zeit sehr ähneln. Das Wort „Heimat“ scheint von sehr großer Bedeutung zu sein. Dieser Begriff hat zu der damaligen Zeit auch einen ganz anderen Stellenwert als heute. In der Heimatkunst um 1900 wurde die Hinwendung zu „bodenständigen“ Werten gelehrt, Heimat wurde idealisiert. So auch die Dinge, die sie beinhaltete, wie z.B. die Landschaft. Man kann beim Vergleich der Texte aus damaliger und neuerer Zeit ganz klar unterscheiden, was für einen Stellenwert Natur und Landschaft generell im Leben der Menschen hatten und haben, wie ihnen die Sichtweise auch vermittelt und anerzogen wurde. So ist die Schlusserkenntnis aus dem eben zitierten Text folgende: „Der Kasselaner gehört zur Fulle, wie die Fulle zum Kasselaner. [...] Das ist, weil man die Heimat nicht ablegen kann wie einen alten Rock.“Die Menschen haben die Fulda damals als einen Teil ihres Lebens gesehen. Sie wurde wahrgenommen und geschätzt. Der Fluss hatte aber zu diesen Zeiten für die Kasseler Bevölkerung eine weitere große Bedeutsamkeit. Der Handel wurde zum größten Teil über die Schifffahrt abgewickelt, auch wurde das Wasser der Fulda für ganz elementare Dinge, wie z.B. für das Wäschewaschen genutzt. Auch in diesem Zusammenhang wird aus den Texten eine gewisse Verehrung für die Fulda deutlich. Die Notwendigen Arbeiten ließen sich mit den Schönheiten der Natur verbinden. Ein Text aus dem Jahr 1937 beschreibt das Wäschewaschen an den großen Bleichwiesen: „Und dennoch, das Mühen und Plagen um die schneeige Weiße jedes einzelnen Wäschestückes wird unten an den Wellen der Fulda auf dem grünen Rasenplan zu einer vergnügten Angelegenheit für die ganze Familie [...]. Nur ganz wenige Städte dürften noch solch ein „Waschfrauenidyll“, solch ein Stück übrig gebliebener guter, alter Zeit aufzuweisen haben, wie die Bleichen an der Fulda.“Aber der Fluss wurde durchaus auch für seine Freizeit-und Erholungsqualitäten geschätzt. So beschreibt ein aus dem selben Jahr stammender Text mit der Überschrift „Pfingsten am Fuldastrand“, wie schön man seine freie Zeit dort verbringen kann. Der Text drückt eine wahre Dankbarkeit aus. „Wunderschön ist unser Kasseler Badestrand an der Fulda. [...] Ein wahres Glück für uns, dass wir die Fulda haben.“Der Text drückt aus, dass der Fluss als Quelle der Lebensfreude genutzt und gesehen wird. „Der Mensch ist gelöst vom Alltag, wenn er den Schneider in der Kabine abgelegt hat und den nackten Zeh in die kühle Flut setzt. Ein herrliches Gefühl durchströmt ihn, wenn er sich in die Wellen wirft und sich vom nassen Element umschmeicheln lässt.“In diesem Artikel wird ein Gedicht zitiert, das das Lebensgefühl an der Fulda beschreiben soll: Man ist nicht mehr Amt und Würden, Auch wird die Fulda ganz bewusst dazu genutzt, um zu zeigen was man hat. Es geht dort um Schönheit, ums Flanieren, ums Sehen und Gesehenwerden. Die Fuldaufer waren also auch eine Möglichkeit, sich abseits von Strenge und Disziplin zu öffnen und eine gewisse Leichtigkeit des Lebens zu erfahren. Aber die Empfindungen, die die Kasseler Bürger gegenüber der Fulda hatten, wurden leider auch anders genutzt. Ich habe einen Text aus dem Jahr 1940 gefunden, in dem die Fuldazuneigung für nationalsozialistische Gedanken genutzt wurde. Der Text nennt sich „Idyll an der Fulda“ und ist sehr propagandistisch verfasst: „[...] Geblieben ist die Schönheit der Natur in diesem Idyll an der Fulda. Es ist ein Bild des Friedens, das uns hier grüßt. Was wäre aus Deutschland geworden, wenn der Feind, wie es seine Absicht war, in unsere Heimat eingefallen und alle Schönheit zerstört hätte. Das starke deutsche Schwert hat es verhindert. [...]“Dieser Text ist auch einer der Letzten aus dieser Zeit. Erst ab den 50er Jahren häufen sich die Artikel über die Fulda wieder, allerdings nur im Zusammenhang mit der BUGA. In der Zeit dazwischen, scheint die Fulda wegen dem Krieg und der darauf folgenden Notzeiten in Vergessenheit geraten zu sein. Ab 1952 tauchen einige Artikel auf, die sich mit der geplanten Fuldapromenade beschäftigen. Ganz auffällig im Vergleich zu den vorherigen Texten ist die sachliche und nüchterne Berichterstattung. Wenn es um die Fulda geht, dreht es sich nur noch um Fakten und Zahlen. Die Berichte sind sehr rational, obwohl die Themen die selben sind, wie in den Jahren zuvor. Die Texte berichten von Freizeit und Erholung und von einer Fulda, die vernachlässigt und nur schwer erfahrbar ist. Das liegt sicherlich daran, dass sich die Art zu Berichten stark verändert hat. Es geht um Fakten, und nicht um das Beschreiben von Emotionen gegenüber der Fulda. Dennoch bekommt man beim Lesen dieser Artikel den Eindruck, dass es nicht um Menschen, sowie deren Empfindungen und Wünsche geht, sondern lediglich um Beschlüsse und Entscheidungen. Selbst bei konkreten Themen, wie Freizeit und Erholung oder Zugänge zum Fluss, scheint es keine Bevölkerung zu geben, für die diese von Bedeutung wären. Ein Artikel aus dem Jahr 1952 hat eine sehr viel versprechende Überschrift: „Kassel wird Stadt am Fluss“ In der Einleitung geht es erneut sachlich um Fakten, darüber hinaus kann man leider nichts über die Wahrnehmung der Bürger erfahren. „Vierzehn Kilometer lang ist der Lauf der Fulda durch Kassel, und doch ist es keine Stadt am Fluss. Denn nirgends besteht die Möglichkeit, unmittelbar zu den Ufern zu gelangen, wie dies in anderen Städten der Fall ist. Über die großen Uferpromenaden flutet das städtische Leben, und so soll es in Zukunft auch bei uns sein. Kassels erste Uferpromenaden sind zwischen Fulda-und Drahtbrücke als Begrenzung des neuen Festplatzes in der Unterneustadt und auf der gegenüberliegenden Seite von der Schlagd bis zum Rondell geplant.“Auffällig an diesen Berichten ist der ständige Zusammenhang mit der BUGA. Zu dieser Zeit scheint der Fluss eher wichtig für den Eindruck von außen zu sein, als für die eigentliche Bevölkerung von Kassel. Ein Text aus dem Jahr 1961 allerdings schreibt erstmals wertende Sätze über eine emotionale Wahrnehmung der Fulda. „Im Grünen vom Holländischen Platz bis zum Auedamm. [...] Eine neue Oase der Stille und der Erholung ist im Werden.“Nach der BUGA verringert sich die Anzahl der verfassten Texte über die Fulda. In den 80er Jahren erscheinen wieder vermehrt Artikel, die jedoch kaum etwas über die Beziehung und die Wahrnehmung der Bevölkerung zum Fluss aussagen. Ein ganz großes Thema zu dieser Zeit ist die Wasserqualität in der Fulda und den Aueseen. Generell gibt es mehr Artikel bezüglich der Aue und den Seen, vor allem im Zusammenhang mit der Freizeitnutzung und der Empfindung als Erholungsgebiet, als über die Fulda selbst. Sie scheint als solches nicht gesehen zu werden. Allerdings gibt es einen sehr interessanten Artikel aus dem Jahr 1994, der konkret über die Fulda berichtet. Zum ersten Mal seit Langem wird die Fulda mit Emotionen und auch positiven Gefühlen beschrieben. Der Artikel ist jedoch derart romantisch verfasst, dass es beinahe lächerlich erscheint. „Die Luft ist ganz weich, kurz vor fünf Uhr, an der Fulda. Träge fließt sie vorbei; viel leiser als am hellen Tag. Das Wasser schwappt behutsamer ans Ufer. Selbst die erste Straßenbahn rumpelt noch sanft über die Fuldabrücke. Boote liegen wie schlafend aneinander.[...] Huckleberry-Finn-Gefühle an der Fulda.“Das Interessante an diesem Text ist die Darstellung der Fulda als durchweg positiv -aber nur, solange die Stadt noch schläft. Erwacht der Tag, so endet die Romantik. Diese Tatsache ist verwirrend. Die Fulda ist also nur schön, solange die Stadt ausgeblendet ist? In der folgenden Zeit gibt es dann etliche Berichte über Parkplatzprobleme oder Raser am Auedamm. Artikel, die über das Verhältnis der Bürger oder auch die Wünsche der Kasseler bezüglich der Fulda berichten, bleiben leider aus. Heute befassen sich die aktuellsten Artikel des Stadtarchivs wieder zunehmend mit der Wassergüte und neueren Planungen. Ich habe leider keine Texte gefunden, die sich mit dem aktuellen Thema und der Problematik der Fulda in Kassel auf der Ebene der Wahrnehmung beschäftigen. Barbara Zak |